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A Life in the fuckdammten Einöde
Wie so häufig an sonnigen Tagen saß ich auch an jenem auf meiner hölzernen Bank auf der Veranda meines Landhauses in der Einöde, in der rechten Hand ein Glas feinsten Bourbonhiskeys, meinen Penis in der anderen Hand.
Ich schob gemächlich die Vorhaut vor und zurück, immer im Takt der Musik welche die Vögel von sich gaben. Dass ich zum Höhepunkt komme, hatte ich bereits aufgegeben, schon etwa zwei Stunden zuvor, damit es trotzdem etwas kribbelte, träufelte ich dann und wann etwas Whiskey auf meinen wundgeriebenen Schwanz. Das fühlt sich zwar eher brennend als kribbelnd an, aber es war halt etwas Abwechslung zu dem ewigen Gerubbel im Vogelzwitschertakt.
Hier in der Einöde habe ich niemanden zum Streicheln und Gestreichelt werden, einen Fernseher oder Magazine mit nackten Frauen habe ich auch nicht. Ich finde es absolut irrsinnig, sich aus solchen Heften Erregung zu verschaffen, irgendwie finde ich das pervers – und wenn ich eins nicht bin, dann ist das pervers.
Ja so saß ich da wie so häufig, nippte an meinem Drink und ließ meinen Schwanz nen wunden Mann sein und dachte an nichts böses und dachte an nichts gutes und dachte an eigentlich überhaupt nichts wie so oft – als sich plötzlich etwas am Horizont regte.
Es war zu groß um ein Wolf zu sein, zu klein um Elch zu sein und zu zweit um allein zu sein.
Ich stellte mein Glas ab, faltete meine Hand zu einem Fernrohr und als ich erkannte, dass es sich um zwei Teenager handelt, die in meine Richtung rannten, stellte ich auch anstandshalber meinen Schwanz in meine Hose und reinigte die Pfuihand mit Whiskey. Hier in der Einöde ist es sehr selten, dass man mal einen anderen Menschen sieht, dementsprechend groß war meine Freude über diese.
Viel wollte ich nie sein, aber ein guter Gastgeber immer. Ich hatte mir auf meiner Veranda immer gedacht, dass ich ein guter Gastgeber bin, da ich aber kaum oder genauer nie zuvor einen Gast hatte, konnte ich es nie beweisen. Einzig einen Gast hatte ich, einen verletzten Wolf und ich habe ihn so gut gepflegt, dass er immer noch da ist. Er liegt vor dem Kamin und ich sitze auf ihm, wenn es auf der Veranda mal zu kalt ist. Aus seinen Zähnen habe ich mir eine modische Kette gemacht. Die Teenager kamen immer näher und mit jedem Meter, den sie näher rückten, bereitete ich mich etwas mehr darauf vor, der Dalai Lama der Gastfreundschaft zu sein.
Zwei drei Minuten nachdem ich sie erblickt hatte, waren sie an meinem Haus angekommen, ein Junge und ein Mädchen, etwa siebzehn Jahre alt. Sie trug einen knappen Minirock und ein enges, weißes Top, er trug eine zerissene Jeans und ein StarWars-Tshirt. Beide waren sehr blass und keuchten, er hatte eine blutende Wunde an der Stirn während ihr Blut die Arme herunter lief. „Hallo Kinder!“ begrüßte ich die beiden verängstigten Häschen „hoppelt auf meine Veranda, ich mach euch ein Süppchen! Was wollt ihr für eine?“
Sie kamen auf meine Veranda und etwas hektisch begann der Junge mit einem Wortschwall auf mich einzureden: „Wir werden verfolgt, da hinten am See, hinter uns hier, wir müssen uns verstecken, sie müssen uns helfen, oh mein Gott, die Kristine, sie muss dort irgendwo noch sein, er hat eine Maske, am See, wir wollten zelten, oh mein Gott, wir brauchen Hilfe, ein Telefon, wir brauchen ein Telefon, unbedingt, die Polizei, sie muss kommen, verfolgt, und wenn er uns hier findet, wir sind noch zu jung zum sterben, Christin, Christin hat er erwischt, wir...“
Ich konnte mich nicht genau auf seine ganzen Worte konzentrieren, es waren ja wirklich viele, und in der Einöde ist man an Unterhaltungen nicht gewöhnt, aber ich entnahm seinen Ausführungen, dass er sich wohl für Gulaschsuppe entschieden hatte. Ich ging also in die Küche nachdem ich die beiden hereingebeten hatte, machte meinen Herd an und öffnete zwei Büchsen, deren fleischigen Inhalt ich in einen Topf gab um sie bei kleiner Flamme gleichmäßig zu erhitzen. Bevor ich wieder zu den beiden in das Wohnzimmer ging, schaute ich durch die kleine Luke, die sich im Flur neben dem Wohnzimmer befindet, nach, ob die beiden noch da sind. Sie waren noch da und saßen ängstlich auf den schwarzgebeizten Holzstühlen am Tisch. Mit einem Lappen wischte ich erst die Blutflecken vom Boden und dann reinigte ich ihre offenen Wunden damit.
Aus Versehen stuppste ich dabei an ihren Busen, aber wir sagten alle nichts und ich begann das Wohnzimmer zu saugen. Meinen Staubsauger nenne ich Stoibi, wenn hier in der Einöde mal alles richtig ruhig ist, schalte ich ihn ein und er brummt mich zufrieden an. Heute klang sein Brummen etwas verstimmt, wahrscheinlich war er meiner Gäste wegen eifersüchtig, aber da musste er jetzt durch. Nach dem Saugen servierte ich den beiden kleinen ihre Suppe, sie aßen schnell und alles auf. Um auch wie ein wilder Teenager zu wirken, warf ich ihre Teller einfach aus dem Fenster und sagte: „Cool.“
Die beiden waren jetzt schon etwas entspannter als vorher und fragten in einen Ton, der ruhig genug war, dass ich ihn verstehe, ob sie mal telefonieren könnten. Leider habe ich kein Telefon, also sagte ich ihnen: „Ich habe leider kein Telefon, yo.“ Da ich aber ein guter Gastgeber sein wollte, schickte ich sie aus meinem Haus, denn nur 200 Meter entfernt ist eine Telefonzelle, direkt an der Bushaltestelle „Prenzlauer Berg“. Ich schaute ihnen noch hinterher wie sie so langsam die Straße dahin schlenderten, dann setzte ich mich auf meine Veranda, nahm meinen Drink und meinen Schwanz in die Hand und freute mich, etwas gutes getan zu haben. Das Anstuppsen an ihre Brüste hat mich so tief berührt, dass ich endlich mal wieder kommen konnte und jetzt, wo ich mal Besuch hatte, bin ich etwas unglücklicher, einfach nur in der Einöde zu Wohnen.
Einfach nur ein Brot kaufen
Einfach nur ein Brot kaufen. Mehr möchte ich gar nicht. Ein ganz gewöhnliches Brot, ohne Körner, ohne gesund, einfach nur weiß und weich. Mein Weg zum SB-Bäcker führt mich durch die Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster und den wunderschönen Fassaden. Die Leute hier laufen alle so langsam und ich habe es auch nicht eilig und passe mich der Geschwindigkeit der flanierenden Rentner an. Wenn ich auch mal so alt werden will, sollte ich vielleicht doch ein gesundes, braunkörniges Brot kaufen, aber ich bin jetzt faul und möchte gleich nicht so besonders viel kauen und verdauen, nein, ich will ein einfaches, fluffig leichtes Weißbrot haben, so weiß wie die Haare der alten Menschen deren Flanierrhythmus ich gerade angenommen habe.
Ja so ein Brot, das ist mein Ziel und die Altstadt ist Teil meines Weges. Ab und zu bleibe ich stehen und schaue in die Schaufenster, hier gibt es Silberteller, dort Lampen und Designersessel. Wie wunderbar wäre es doch, wenn ich jetzt mein Brot schon hätte, ich konnte mich auf dem lindgrünen Designersessel niederlassen, das Brot auf den silbernen Teller legen und es im Lampenschein der Ausstellungsstücke huldigen bevor ich es mir mit aller Gemütlichkeit einverleibe. Der Gedanke spornt mich so sehr an, dass ich meine Geschwindigkeit erst ein wenig, dann immer stärker erhöhe bis ich schließlich renne.
Ich bin jetzt ein Mann in Eile, ein Mann der sein Brot haben muss, die spazierenden und flanierenden und ständig stehen bleibenden alten Menschen sind in meinen Augen nur noch bewegliche, senkrechte Hindernisse die jedoch wenn man gegen sie rennt einen nicht aus der Bahn werfen, sondern in die Horizontale fallen. Ich erinnere mich an einen Satz den mal ein Schaffner zu mir gesagt hat, dass man wenn ein Ziel vor Augen hat auch unbedingt mal nach hinten sehen muss und ich schaue mich um und sehe die Altstadt und auf dem Kopfsteinpflaster liegen mehrere verletzte Rentner und dann erinnere ich mich, dass mein Goldfisch mal gesagt hat, das der Weg das Ziel ist da bleibe ich kurz stehen. Mir fällt auf, dass mein Leben nicht sinnlos ist, ich bin auf dem Weg und möchte diesen Laib Brot haben. Ich bin glücklich und muss es raus lassen dann kommt mir dieser Obdachlose entgegen und ich muss ihn einfach in den Arm nehmen.
„Mein Leben hat einen Sinn“ sag ich ihm aber er ist darüber nicht erfreut und schubst mich weg und lallt nur, dass ich meine Fresse halten soll und ihm ein Bier kaufen aber ich bin schon weiter gegangen, und mir fällt ein dass Bier ja auch flüssiges Brot ist und da werde ich furchbar traurig dass dieser Mann auch einen Sinn hat aber ihn einfach nicht erkennt. Ich drehe mich nochmal um und sage ihm freudestrahlend, dass er auch einen Sinn hat aber er schaut mich nur an und sagt: „Ich hab nur im Sinn das ich dir die Fresse polier wenn du mich nicht in Ruhe lässt“ und wieder werde ich traurig und dann wieder glücklich und wieder traurig und bis ich mich entschlossen habe, ob ich jetzt glücklich oder traurig bin ist der Berber auch schon am Horizont verschwunden. Aus den Augen aus dem Sinn denke ich und bin jetzt doch wieder glücklich.
Die letzten Meter bis zum SB-Bäcker laufe ich nicht, nein, ich surfe sie auf einer Welle der Euphorie. An der Tür hängt allerdings ein Schild, das besagt, dass am Rosenmontag geschlossen ist und so ebbt diese Welle am Stand der Verzweiflung. Ich habe einen Sinn und kann ihn nicht erfüllen. Während ich meinen Schal zu einer tödlichen Schlinge binde um mich am Straßenschild „Stubengasse“ zu erhängen sehe ich, wie eine junge Frau mit wallenden, blonden Haaren den Backwarenselbstbedienungsfachbetrieb betritt und durch das Schaufenster, auf dem mit dicken roten Lettern steht „Zwei Brote zum Preis von einem“, sehe wie sie sich die blonde Grazie zwei dieser Plastikhandschuhe und ein Tablett nimmt und vor durchsichtigen Kästen mit Backwaren steht um sie im nächsten Moment herauszunehmen und zu kaufen. Ich merke, dass heute Mittwoch und nicht Montag ist und bin wieder voll drauf. Gerade wäre ich noch gestorben aber dann hat mir das Schicksal doch noch ein letztes Mal die Hand gereicht.
Ich wickel meinen Schal wieder um die Stirn, Rücke meinen Bademantel zurecht und betrete die Bäckerei. Es ist schön hier, auf dem Boden liegen krümel, es duftet nach Krapfen und die Frau vom Personal hat eine wunderschöne Warze am Hals. Mann kann bei ihr nicht genau sagen, wo der Hals aufhört und das Kinn anfängt und aus der Warze zwei wachsen schwarze Haare. Ich will diesen Ort mit niemandem teilen, nur mit der Verkäuferin und dem personalisierten Schicksal in Form der Frau, die den Laden vor mir betreten und unwissentlich mein Leben gerettet hat, also schließe ich die Tür und stelle den Mülleimer davor. Im selben Moment versuchen gerade zwei Jugendliche in Karl Kani Klamotten, den Laden zu betreten, doch ich kann richtig böse gucken.
Endlich in intimer Runde mit meinen weichen Backwaren. Die beiden Zuschauerinnen stören mich gar nicht, sie sind schließlich auch bei der Erfüllung ihres Sinnes, und als ich jetzt mein Weißbrot so in der Hand halte muss ich es einfach küssen. Ich habe davon ein Paar krümel an den Lippen, aber es sind sehr weiche Krümel und mein Spiegelbild im Schaufenster sagt mir, dass mir diese Krümel sogar stehen. Bei anderen hätten sie sicher wie Herpes angemutet, bei mir jedoch wirken sie wie echter Schmuck. Als ich mein Brot bezahlen will, sagt die Kassiererin, dass ich noch ein zweites Brot mitnehmen kann, es ist eine Aktion während der Karnevalszeit, ein Brot kaufen, zwei Mitnehmen und ich spüre eine starke Verwirrung in mir aufsteigen. Ich stelle mir vor, wie ich bei meiner Hochzeit in der Kirche stehe und anstatt das Ja-Wort von mir zu fordern sagt der Pastor:
Wir haben gerade so ne Aktion, ist gerade Remmi Demmi im Himmel, sie dürfen sich jetzt noch eine zweite Frau aus dem Publikum aussuchen. Ich versuche der Verkäuferin klar zu machen, dass ich nicht Polygam bin und nur das eine Brot will aber sie zwingt mich ein weiteres zu nehmen. „Sonst stimmt das mit der Kasse nicht“ sagt sie, und „das muss alles seine Richtigkeit haben!“ Mit zwei Broten unterm Arm und sehr zornig verlasse ich den Laden, dabei trete ich den Mülleimer um, der die Tür versperrt. Die Gesellschaft hat mich mal wieder gezwungen, meine moralischen Grundsätze über den Haufen zu werfen und wer zum Teufel stellt eigentlich einen Mülleimer mitten in die Tür? Wie werde ich jetzt vorgehen? Mach ich es, wie es einige Menschen nach einer langen Ehe machen und habe ein Brot für die Küche und eins fürs Bett? Oder gebe ich einfach ein Brot ab? Ich hab mich schon zu sehr an das Gefühl der beiden Laibe unter meinen Armen gewöhnt, ich möchte es nicht mehr hergeben. Außerdem hatte ich noch nie Zwillinge. Ich werde wieder traurig, ich weiß nicht was ich tun soll. Ich nehme meinen Schal vom Kopf und binde mir eine tödliche Schlinge.
Während ich am Straßenschild „Stubengasse“ hänge, sehe ich, wie sich drei Tauben respektlos über meine beiden Lieblinge hermachen, doch ich habe keine Kraft mehr ihnen zu helfen, sie zu retten vor diesen urbanen Aasgeiern, den Ratten der Luft, den Krebsgeschwüren aller Kirchtürme und Bahnhöfe. Dann schließe ich meine Augen, merke, dass es mit der Erfüllung eines Sinns nicht getan ist, man muss seine erreichten Ziele pflegen und instand halten, dann denke ich an Heike Makatsch und dass ich es vielleicht mal mit einer Frau hätte versuchen sollen. Unbefriedigt und mittlerweile wieder unfreiwillig begebe ich mich auf meine letzte Reise, während ich hoffe, wenigstens den Kindern, die vor mir stehen und mich weitaufgerissenen Augen anstarren, ein gutes Beispiel zu sein.
The End (my friend)
Identität
Auf dem Weg von meinem Zimmer in die Küche muss ich über den Wohnungsflur. Die beiden liegen immer noch da, Arm in Arm. Ich streichle beiden kurz durch die Haare und mache ihnen zottelige Frisuren. Dabei verknote ich ihre Haare etwas miteinander, was sie aber nicht stört.
Dann gehe ich weiter in die Küche. Muss mir erstmal das Blut von den Fingern waschen was da von der Haarwuschelaktion drangekommen ist. Dann schaue ich die Küchenschränke und den Kühlschrank durch. Ich hab noch Bohnen, aber die hätte ich gestern in Wasser einlegen müssen wenn ich jetzt Bohnensuppe hätte machen wollen. Toastbrot hab ich auch noch, is aber Schimmel dran, Sandwich ist also auch gestorben. Im Kühlschrank sind noch Eier, aber wie lang sind die schon da? Musste man die nicht in Wasser legen und wenn die Eier dann grün werden, sind sie schlecht? Ach, diese Kochsachen sind so verwirrend, aber ich habe wirklich mehr als nur ein leichtes Hungergefühl.
Am Ende des Monats hab ich irgendwie immer kein Geld und diesen Monat beginnt die „Monatsendphase“ halt schon am 16. Noch 14 Euro für 14 Tage, also genau 1 Euro pro Tag. Da muss man gut überlegen. Dienstags und donnerstags ins Volksküche, also bin ich an 4 von 14 Tagen essenstechnisch versorgt. Da gibt’s zwar nur vegane Sachen, aber diese eine da flirtet immer mit mir. Das mag ich, da schmeckt mir auch ein großer Unkrautsalat mit Yofusoße wenn ich dabei das Gefühl bekomme, gemocht zu werden. In meiner Küche sind nicht mal mehr die Kartoffeln vegan, sie sind schon so alt, dass sie ein Gehirn und Beine haben. Evolution denke ich. Als ich ihre Konsistenz mit meinen Fingern feststellen will, springt eine von ihnen auf und rennt auf den Balkon. Als sie springt kann ich hören, wie sie „Freeeeeeiheeeeeit!“ ruft. Das ist zu viel für den Augenblick und ich fasse den Beschluss, mit dem kochen noch zu warten und erstmal nochmal in mein Zimmer zu gehen. Wieder komme ich im Flur an den beiden vorbei. Die Frisur sieht schon relativ witzig aus, aber ich halte sie noch für verbesserungswürdig.
Ihre braungefärbten Haare lege ich ihr so durchs Gesicht, dass sie ausschaut, als hätte sie einen Bart. Ich sage „Früher war ich Carla, jetzt bin Karl!“ dabei bewege ich mit meinen Fingern ihre Lippen. Ich muss lachen, die beiden nicht. Ich entschliesse mich, ihm einen Ihro zu schneiden, möchte damit aber bis nach den Pro7-News warten. Vielleicht sagen die da ja, das Ihros gerade out sind. Ich bemerkte, dass ich vom vielen Fummeln wieder rote Finger habe und da ich mein Zimmer nicht so versauen will, gehe ich zurück zum Waschbecken in der Küche. Es reicht, wenn ich den Flur streichen muss, mein Zimmer muss da nicht drunter leiden.
Obwohl, meine Zimmerwände sind ja eh rot, wäre also alles halb so wild. Bevor ich meine Finger abspüle, lecke ich kurz zart daran und versuche herauszuschmecken, ob es von ihm oder von ihr ist, komme aber zu keinem Ergebnis. Wo ich nun in der Küche bin, kann ich auch gleich was kochen denke ich und entdecke das Kartoffelpüreepulver. Mist, braucht man Milch für. Aber daran soll es nicht scheitern. Bei uns im Haus woht eine liebe Omi, die gibt mir bestimmt 200ml ab. Also durch den Wohnungsflur an den beiden vorbei in den Hausflur, einen Stock tiefer und bei der alten Dame geklingelt. Mir fällt auf, wie hell der Wohnungsflur durch die vielen Fenster eigentlich ist.
Die alte Dame schaut mich etwas verdutzt an, weil ich nur ein weißes Unterhemd und einen Tigertanga trage, aber ich weis diese Situation geschickt zu entspannen. „Hallo Frau Schellack“ sage ich „sie wissen doch, ich bin arbeitslos.“ Ihre Mimik verändert sich von verdutzt zu verständnisvoll und sie bittet mich ohne weiteres herein. Sie fragt mich nach dem Geschrei, dass sie gestern Abend aus meiner Wohnung vernommen hat und ich entschuldige mich, dass ich zu laut Fernsehen geschaut habe. Dann sage ich ihr, dass ich keine Milch mehr hat. Sie erwidert, dass sich Milch habe. Aber sonst habe sie ja keinen mehr mit dem sie die trinken könne. Ich sitze mittlerweile auf ihrem grünen, staubigen Sofa und schaue mir die Bilder an der Wand an. Die sind alle nicht so schön und Frau Schellack auch nicht. Sie ist sich umziehen gegangen und trägt jetzt ebenfalls einen Tigertange und ein weißes Unterhemd. Sie setzt sich neben mich und schaut mir aus ihrem faltigen Gesicht in die Augen. „Weißt du Lukas“ und während sie jetzt spricht, hat sie Mühe ihre Dritten im Mund zu behalten „ich wäre gerne Du.
Ich habe alle Sachen, die du anziehst, nachgekauft. Ich habe sie gesehen als sie im Trockenkeller hingen.“ Ich nehme sie in den Arm und wische ihr die Tränen aus den Augen. Dann gehe ich mich ebenfalls umziehen, ziehe ihr strenges grünes Kleid und ihre riesige Unterhose an. Mit dem Satz „Hier Lukas, du wolltest Kartoffelpüree machen“ gebe ich ihr die Milch aus dem Kühlschrank. Sie geht nach Oben und ich setze mich ans Fenster um rauszuschauen. Ich rege mich über die Autos auf, die hier in der 30er Zone 50 fahren und rufe den spielenden Kindern zu, dass sie ruhig sein und sich nicht gegenseitig mit Steinen bewerfen sollen. Ich fühle mich sehr einsam und mir fällt auf, dass ich nur meinen Nachnamen kenne. Schellack, Schellack… Ich beschliesse Amanda zu heissen und vermisse meinen verstorbenen Ehemann eine Weile.
Dann denke ich darüber nach, ob ich Lukas vielleicht verärgert habe, weil ich ihm nur fettarme Milch gegeben habe, obwohl auch noch die gute im Kühlschrank steht. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen und entschließe mich dazu, es wieder gut zu machen. Ich ziehe meine Pantoffeln an und gehe mit der Milch ein Stockwerk nach oben. Für die 14 Stufen brauche ich 5 Minuten und mir ist kalt. Die Wohnungstür oben ist nur angelehnt und so gehe ich einfach rein. Mir bietet sich ein Bild des Schreckens und ich bekomme fast einen Herzinfarkt. Lukas fühlt sich erwischt, er kniet bei den beiden, die da liegen und füttert sie mit Kartoffelpüree. Das sie nicht mehr leben scheint er trotz des Blutes gar nicht zu verstehen. Er schaut mich an. „Oh mein Gott was habe ich getan?“ ist das letzte was ich von Lukas gehört habe. Bis die Polizei da ist, bleibt er einfach neben den beiden im Blut liegen, mich nehmen sie auch mit. Eine Zeugenaussage kann ich nicht machen, ich weiß einfach nicht mehr, wer ich denn überhaupt bin.
Mama
Mit neunzehn ging ich zum ersten Mal in die Innenstadt mit dem festen Entschluss mir selber Kleidung zu kaufen. Der Inhalt meines Kleiderschrankes bestand bis zu dem Zeitpunkt nur aus den Poloshirts und Hemden, die mir meine Mutter oder meine Großmutter mütterlicherseits geschenkt hatten. Sie lagen in der obersten von fünf Schubladen und waren stets gebügelt und ordentlich zusammengelegt, das hatte meine Mutter immer gemacht. Ihr Name war Traudel und meine Hosen, die im Schritt meist kniffen und immer einen Blick auf meine weißen Tennissocken zuließen verstaute sie in der zweiten Schublade von oben.
Die rote Stoffhose und die Dreiviertelhose in gelb lagen meist ganz unten, denn die hasste ich am Meisten. Manchmal musste ich die jedoch auch anziehen, immer wenn sie mir sagte: „Moe, wenn du deine Mutter lieben würdest, dann würdest du die schicke rote Hose aber auch mal anziehen. Oder was ist mit der gelben, magst du mich etwa überhaupt nicht?“. Wenigstens hatte meine Mutter als ich 14 war, damit aufgehört, am Abend die Sachen herauszulegen, die ich am nächsten Tag anziehen sollte. Warum meiner Mutter meine Kleidung so wichtig war, habe ich nie ganz verstanden, denn innerhalb der Wohnung bestand sie darauf, dass ich nackt war.
Meine Mutter selbst trug auch in der Wohnung keine Kleidung und als ich einmal krank war, wollte der Johannes mir die Hausaufgaben vorbei vorbeibringen. Als meine Mutter ihm die Tür öffnete war sie wohl die erste Frau, die er nackt gesehen hatte und als sie ihn mit in ihr Schlafzimmer nahm wurde sie für ihn wohl die erste Frau sowieso. Danach wollte jeden Tag ein anderer Fünfzehnjähriger mir die Hausaufgaben vorbeibringen und ich lernte endlich mal jemanden kennen. An diesem Tag ist wohl die Oberflächlichkeit gestorben und ich hatte Freunde, obwohl ich am schrecklichsten angezogen war. Jetzt wo Mama tot ist, kaufe ich zum ersten Mal selbst Kleidung, den Sympathiebonus hatte ich sowieso längst verspielt.
Pygmalion
Als meine Frau mich in diese bestimmte Selbsthilfegruppe schickte, wusste ich nicht, dass es so besonders interessant werden würde. „Larry“ sagte sie und zog dabei ihre Augenbrauen fast bis an ihren Haaransatz „Larry, geh da doch einfach mal hin. Vielleicht hilft Dir der Austausch. Vielleicht wirst du wieder wie früher.“ Ich sträubte mich schon etwas, aber wenn Brandy etwas von mir wollte, dann tat ich meist besser daran ihr zu gehorchen. Sie hat da sonst so ihre Mittel, füllt mir beispielsweise jeden Morgen Rizinusöl in den Kaffee oder versteckt meinen Lieblingsgolfball.
Ich spiele ja eigentlich kein Golf, weil ich Rasen nicht leiden kann, aber dieser Golfball ist etwas ganz besonderes. Er hat einen roten Aufdruck in Form eines Pinsels und das Wort „Möhn“ ist in silberner Farbe eingraviert, so dass man es fühlen kann. Rizinus im Kaffee ist ja schon ganz schön scheiße, aber Möhn nicht zu finden macht depressiv. Dann sich doch lieber mal überwinden und zu diesem Treffen der Selbsthilfegruppe im Hinterraum der Altstadtkneipe gehen.
Das die Gruppe sich „Gruppe der Kollektisten“ nannte, hatte für mich irgendwie einen starken „Ewige Blumenkraft“ Beigeschmack, aber mir wäre auch kein besseres Wort für eine Ansammlung von Leuten, die krankhaft irgendwelche Dinge sammeln, eingefallen. Beim ersten Treffen stellte sich die Gruppe mir vor. Man saß in einem Kreis auf Holzstühlen, war in lauwarmes Licht gehüllt und trank Fruchtsaftschorlen. Die Poster gegen Bildungsraub verrieten mir, dass sich in diesem Raum wohl auch studentische Protestgruppen und wahrscheinlich auch noch andere Terroristen trafen. Ich zündete mir eine Zigarette an und zog damit die Aufmerksamkeit einer jungen Frau auf mich. Sie hatte ein wunderschönes Gesicht, aber ihre verwilderten Haare ließen sie trotzdem wie ein untotes Monster erscheinen. Außerdem war sie mit ihren 1,60 eindeutig zu groß.
Ich dachte kurz darüber nach, ob man sie wohl in einen Koffer stecken könnte, wurde aber direkt aus meinen Gedanken gerissen, denn der Typ neben mir klopfte mir auf den Oberschenkel. Der Schenkelklopfer war Hans und er war eine Art Gruppenguru. Er sammelte krankhaft Kopfbedeckungen und trug stets mindestens drei gleichzeitig. Bei diesem ersten Treffen waren das eine rote Badekappe unter einer blauen Badekappe und einem Strohhut darüber. Als ich ihm, nachdem er meine Schenkel berührt hatte in die 2.-Klasse-bahnsitzblauen Augen schaue, muss ich unweigerlich darüber nachdenken, ob man diese Augen mittels eines kraftvollen Staubsaugers aus seinem Kopf entfernen kann oder ob man umständlicher weise erst ein Operationsbesteck besorgen muss. Hans gefällt mir, aber ich schaue ihn angewidert an.
Er muss das ja nicht mitbekommen, geht ihn gar nichts an. Als er sich wegdreht sehe ich, dass trotz seiner vielen schicken Kopfbedeckungen ein einzelnes Haar auf seiner Schulter liegt. Ich lächle es an und es lächelt zurück. Dass ich es nehme und in eine kleine Tüte stecke merkt der gute Hans gar nicht, so sanft bin ich und filigran in meinen Bewegungen. Ich bin etwas aufgeregt, dass ich so einen tollen Fang gemacht habe und muss jetzt dringend noch eine rauchen.
Ich merke aber, dass ich die vorherige Zigarette noch immer in meiner linken Hand habe und wohl noch so eins zwei Züge dran sind. Das reicht aber nicht zur Bekämpfung meiner Aufregung, also direkt die nächste angezündet. Wieder blickt mich die zottelige Frau an und wieder fällt mir auf, dass sie zu groß für einen Koffer ist. In den Schrank stellen will man sowas ja auch nicht, aber in einem Koffer, das wäre schön. Aber zu groß, vielleicht auch zu dick. Sie ist jetzt an der Reihe sich vorzustellen. Ihr Name ist Lambretta und sie ist von der manischen Idee befallen, Atome zu sammeln. Mehr als drei Viertel des Periodensystems hat sie schon in einer einzelnen Streichholzschachtel gesammelt.
Einige Atome seien allerdings sehr schwer zu bekommen und ausgerechnet diese zerfallen ihr ständig. Ich denke darüber nach, dass man sehr viele Elektronen brauchen muss um all diese schönen Atome zu füttern und bei Laune zu halten, dann blicke ich auf meine Uhr. Ob da auch Atome drin sind? Als die Kellnerin den Hinterraum betritt um neue Bestellungen aufzunehmen, tritt sofort ein plötzliches Schweigen ein. Keiner will, dass ein Nichtmitglied der Gruppe etwas von den Abarten der Mitglieder mitbekommt, doch nach Aufnahme aller Bestellungen geht die Runde weiter. Hans hat Limonade bestellt und das Wort so schön ausgesprochen.
Ich werde definitiv ein Operationsbesteck benötigen, denn die Zunge muss ich auch haben. Nachdem sich die gesamte Gruppe vorgestellt hat, weiß ich, dass man Schachfiguren Sammeln kann und diese je nach Holz und Lackart bei bestimmten Temperaturen ein besonderes Bukett entfalten. Man kann sich dann entweder damit begnügen daran zu schnüffeln oder man geht aufs Ganze und steckt sie hingabevoll in den Mund. Die anderen Einführungsmöglichkeiten von denen ich gehört habe möchte ich jetzt nicht erwähnen, nur, dass Hermat, der Schachfigurensammler sehr schöne Arme hat. Ich weiß noch weitere Dinge jetzt die man sammeln kann, mag von ihnen aber nicht erzählen weil die Sammler in meinen Augen keine interessanten Körper hatten. Jetzt musste ich mich vorstellen, aber da ich der Meinung war, dass diese Leute meine wirkliche Freude nicht verstehen würden, erzähle ich ihnen, dass ich Kaffeebecher mit obszönen Sprüchen sammelte und sie bis zum Rand mit Salz fülle um die Obszönität in ihnen auszutrocknen.
Sie glaubten mir und ich war froh. Ich rief nach der Kellnerin, bestellte mir ein Glas Apfelschorle mit Baylies und als das Treffen zu Ende war ging ich voller Pläne nach Hause. Dort angekommen wurde ich bereits von Brandy erwartet. „Und? Wie is?“. Mir fällt auf wie hässliche sie ist, dann ziehe ich meine Schuhe aus und lege sie ihr auf die nackten Füße, damit ich ihre schrecklichen Zehen nicht sehen muss. Sie erschrecken sich ein wenig und ich sage ihnen, dass ich mindestens genau so viel Angst vor ihnen habe, wie sie vor mir. Dann wende ich mich an Brandy: „Warum bist du barfuß?“ Sie sagt irgendwas aber ich höre nicht zu sondern gehe ins Kinderzimmer.
Larry Junior ist zwar noch nicht geboren, aber immerhin auf dem Weg, noch zwei Monate. Verdammt, dass der ausgerechnet in Brandy stecken muss. Ich sag trotzdem mal „Gute Nacht, du Dreckspatz“ und schalte das Babyphon ein. Dann lege ich mich zur Nachtruhe auf meine Isomatte in meinem Werkzeugkeller, denn das ist der Ort, der vom Schlafzimmer am weitesten entfernt ist. Am nächsten morgen Frühstücken Brandy und ich wie gewohnt. Graubrot, Butter, Käse, ein Ei und Kaffee. Nach dem Kaffee muss ich eine Stunde auf dem Klo verbringen, aber Möhn ist noch da wo Möhn hingehört. Erleichtert gehe ich in die Stadt, heute zu Fuß denn das Taschengeld, das ich von Brandy wöchentlich bekam, ging für die Getränke am Vorabend drauf und reichte nicht mehr für den Bus. Es gibt hier einen Laden der Ärztezubehör verkauft, dort stehle ich eine Zange und ein Skalpell. Für die Arme von Hermt brauche ich sowas wie eine Säge, aber sowas habe ich noch zuhause. Im Koffergeschäft frage ich, ob es Koffer gibt, in denen man eine 1,60 große Frau verstauen könnte, aber keinen Aluminiumkoffer, die sind mir zu unpersönlich.
Der Gepäckstückfachverkäufer gibt sich gelassen. „Ich empfehle ihnen einen großen Seesack, richtig gefaltet passt da sogar Dirk Nowitzky rein.“ Ich denke bloß „Wow“, dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin, bedanke beim Verkäufer und merke mir, dass er schöne Hände hat. Dann gehe ich zum Bahnhof und beobachte die Gepäckstücke der ankommenden Reisenden. Nach etwa 2 Stunden sehe ich den ersten großen Seesack, doch der Besitzer schein bei der Marine zu sein, daher versuche ich es erst gar nicht. Viel zu stark. Beim nächsten Seesack habe ich dann mehr Glück, denn er wurde von einem halbstarken Alternativen mit Dreadlocks getragen. Eigentlich war mein Plan ihn zu verfolgen, bis er einen kifft und einschläft, doch Fortuna war auf meiner Seite, denn er lies den Sack aus Vergesslichkeit am Bahnhofsbistro liegen, nachdem er sich ein mit Käse belegtes Vollkornbrötchen und eine Bionade reingezogen hatte. Den Inhalt des Kleidersacks habe ich nicht weiter beachtet sondern direkt in die Kleidersammlung gegeben.
Da hat der Alternative gleich zwei gute Taten vollbracht: Neue Kleider für die Armen und ein neues Domizil für Lambretta. In den Folgenden Wochen ging ich jeden Mittwoch zur Gruppe, während die Gruppe immer kleiner wurde. Erst fehlte Lambretta, dann Hermat und als auch noch Hans der Guru verschwand, löste sich die Gruppe ganz auf. Hoffentlich findet Brandy bald eine neue Selbsthilfegruppe, sonst drehe ich durch. Aber bis sie sich an ihre neue Zunge gewöhnt hat und sich endlich wieder bewegt, wird wohl noch etwas Zeit vergehen.